Kalessin erzählt eine alte Gechichte am Feuer ...

Erzählt eure Geschichte.

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Kalessin erzählt eine alte Gechichte am Feuer ...

Beitragvon Kalessin » 14. Mai 2006, 22:23

Seid gegrüßt, FreundInnen der langen Geschichten am knisternden Lagerfeuer ...

höret, was mir einst zugetragen wurde von einem weisen Freund :


"Der Troll bewegte sich mit schnellen Schritten, und eine große Axt wild über seinem Haupt schwingend, auf ihn zu.

Schweißgebadet erwachte er und tastete unsicher nach dem Zweihandschwert, das er kurz vor dem Schlaf unter der schattigen Birke, neben sich in das Gras gelegt hatte.

Wie der Hufschlag eines Pferdes in vollem Galopp ging sein Atem. Er versuchte die Gedanken zu ordnen. Es war wieder einmal jener schlechte Traum, der ihn seit der Zeit der Schlachten in unregelmäßigen Abständen verfolgte.

Mit einem Tuch aus der Provianttasche wischte der Kelte sich den Schweiß von der Stirn.

Sein Gesicht war von Müdigkeit und einer nicht erklärbaren Kraftlosigkeit gezeichnet. Ein dunkler Vollbart war unter der zurückgezogenen Kapuze sichtbar geworden. Säuberlich vom Barbier gestutzt, nicht verwahrlost, wie man das bei der Sprache seines Gesichtes hätte vermuten lassen können. Langsam, immer noch mit schnellem pulsierenden Herzen, erhob sich die Gestalt und schnallte sich das Schwert auf den Rücken. Den Kapuzenumhang ließ er über seine umgeschnallte Waffe fallen, so daß nur noch ein riesiger Griff einer Waffe zu sehen war. Tief sogen seine Lungen die warme Luft ein.

In der Ferne tanzten Schmetterlinge verspielt über die Wiese.

Mit dem abgestumpften Metall seiner Schuppenrüstung und den zahlreichen vom Kampfgetümmel, wirkte er wie ein schroffer Fels, umgeben von einem Blumenmeer.

Durch den östlichen Tunnel gehend, gelangte er in die Hauptstadt. Kristalle an unbearbeitetem Fels erhellten den breiten Weg, aber er nahm all dies nicht wahr.

Mit gesenktem Haupt schritt er, in Gedanken versunken, durch die belebten Gassen, in denen sich die unterschiedlichsten Händler tummelten, um ihre Waren an die Vorbeiziehenden zu verkaufen.

„Ihr seht so aus, als wenn Ihr eine neue Waffe bräuchtet.“ Pries ein Waffenschmied seine gerade geschmiedeten Schwerter an. Ein leichtes Kopfschütteln war das einzige, was als Antwort kam.

Ziellos streifte er durch Tir na Nog, bis eine lärmende Schenke das Interesse geweckt zu haben schien.

Etwas Gerstensaft, um die schrecklichen Bilder zu vergessen, wäre sicher nicht verkehrt, dachte er bei sich, und so betrat er den weitläufigen Schankraum.

Um diese Tagesstunde herrschte noch nicht allzu viel Betrieb hier. In der Nähe des Eingangs nahm er einem freien Tisch Platz. Nach geraumer Zeit kam der Wirt gar persönlich an den Tisch um die fremde Gestalt in seiner Schenke eingehender zu beäugen.

Es schien, als wäre jemand vom Schlachtfeld schon lange nicht mehr hier eingekehrt.

„Was darf ich Euch bringen? Einen Krug des besten Bieres und eine Speise des Hauses vielleicht? Wir bieten heute frische Pilze aus der Pfanne an.“ sprach der Wirt.

„Bringt mir nur einen Krug Schwarzbier...sonst nichts!“

„Wie Ihr wünscht“ entgegnete der Wirt und verschwand kurz darauf hinter dem Tresen um das Bier zu zapfen.

Geraume Zeit später stellte er einen Krug mit schäumendem Bier auf den Tisch.

„Laßt es Euch munden, Fremder!“ und verschwand in der Küche.

Um die Mittagsstunde betrat eine zierliche elfische Waldläuferin den Schankraum und legte drei Rebhühner auf dem Tresen ab.

„Wirt, das sind die Rebhühner, die Ihr gestern bei mir in Auftrag gabt.“

„Nehmt dies als Entlohnung für Eure Mühen!“ sagte er und drückte der Waldläuferin einen Lederbeutel mit einigen Goldmünzen in die Hand.

„Seit bedankt...wenn Ihr wieder einmal etwas benötigt, schickt einfach nach mir in die Wälder.“

Sie wollte den Raum gerade verlassen, da fiel ihr Blick auf den Gast am Tisch neben dem Eingang. Dieser starrte, in Gedanken versunken, auf den Krug vor sich.

„Darf man Euch etwas Gesellschaft leisten?“ fragte sie mit sanfter Stimme.

Der Schmerz im Gesicht dieses Mannes war der Frau nicht entgangen. Ihr Herz schrie vor Schmerz auf, als sie das Leid in dem gequälten Gesicht wahrnahm.

Leere Augen musterten sie.

Die Sekunden verstrichen, bis eine monotone Stimme antwortete: „Wenn Ihr meint, dann setzt Euch zu mir, es handelt sich bei mir aber um keine allzu gute Gesellschaft.“

„Verzeiht, ich vergaß mich vorzustellen. Man pflegt mich Kalessin zu rufen und wie lautet Euer Name?“

„Ariakus!“ antwortete er knapp.

„Ariakus?“

„Ja, Kalessin, Ihr habt richtig vernommen.“

„Gehörtet Ihr nicht einst den Druiden an? Was ist denn geschehen?“ fragte Kalessin sichtlich verwirrt.

Er nahm einen großzügigen Schluck aus dem Krug und wischte sich mit dem Handrücken den Schaum vom Mund.

„Wollt Ihr wirklich mein Leid hören, Euch mit dem belasten, was mich quält?“ Ein tiefer Seufzer entfuhr seinem Mund.

„Wenn ich damit die Qual, welche auf Euch zu lasten scheint, lindern kann, dann gern.“

Man könnte es förmlich sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Seine trüben Augen blickten sie an.

„Als ich noch ein Kind war, erfüllte mich kein Wunsch mehr, als ebenfalls Druide zu werden, wie es mein Vater war. Durch die Wälder und Wiesen zu streifen bedeutete mir sehr viel. Man konnte eine tiefe Verbundenheit mit der Natur spüren...wußte um das Gleichgewicht. Mit zehn Lenzen unterwies mich mein Mentor in der Heilkunst, und wie man Tote in das Reich der Lebenden zurückkehren läßt.

Der Druidenzirkel entsandte mich, um Erfahrung zu sammeln.

‚Stell dein Können in den Dienst der Bewohner des Landes’ sprachen sie.

So zog ich, nur mit dem Nötigsten und etwas Proviant aus, um von einer Stadt zur nächsten zu reisen um den Leuten dort mit meinem erlernten Wissen über die Kräfte der Natur behilflich zu sein. Manchen interessanten Ort sah ich in all den Jahren. So manches Grab und Höhle mußte seine Geheimnisse vor uns offenbaren. Selbst in die Siabrastadt im Moor verschlug es mich mehrmals. Haben Gefahren unterschiedlichster Weise gemeistert. Das Leben nahm seinen Lauf. Doch eines Abends meldeten die Wachen Drium Ligens feindliche Krieger aus dem eisigen Norden.

Bestialische riesige Trolle, widerwärtige Kobolde und zähe Zwerge hatten den Weg in die äußeren Bezirke Hibernias gefunden. Reisenden wurde an den Wegen aufgelauert und hinterrücks erschlagen. Bis in die Schlucht selber wagten sie sich vor und überschütteten Wachen wie herbeigeeilte Bürger mit Spott und Flüchen in einer uns unbekannten Sprache.

Jene Bilder des Grauens wurden zur bitteren Normalität, da sie sich immer wieder ereigneten.

Abenteuergruppen und Patrouillen begleitete ich zu ihrem Schutz. Es schien wie ein Fluch, der auf mir zu lasten schien.

Ich war dazu verdammt, mit ansehen zu müssen, wie in einem schier endlosen Kreislauf Kelten, Lurikeen und Firbolgs unter meinen Händen dahinsiechten. Ihre Schreie im Angesicht des Todes fraßen sich, wie eine Made durch einen Apfel, in mein Bewußtsein.

Der Gesichtsausdruck auf den erstarrenden Gesichtern schien mich nach einem Sinn zu fragen. Eine nicht greifbare Taubheit legte sich über Denken und Handeln. Als wäre ich von Eis umschlossen, verweilte ich angewurzelt an den Plätzen des Todes.

Überall tränkte das Blut die einst grünen Wiesen. Bäume wie Sträucher warfen ihre grünen Blätter ab, so als wenn der rotgetränkte Boden sie dahinsiechen lassen würde. Die Naturgeister zogen sich aus diesen Regionen zurück, wo das Gleichgewicht zerstört war. Nachts schreckte ich immer wieder auf, geplagt von düsteren Visionen, in denen das Grauen vor meinem inneren Auge vorbeizog.

Mit der Zeit wandelte sich die Hilflosigkeit in blanken Haß. Rachegelüste keimten in meinem gepeinigten Herzen. Für jeden Toten sollten sieben aus ihren reihen in die niederen Ebenen gehen. In Gedanken malte ich mir aus, wie unsere Feinde durch eine wütende Klinge zur rechte wie zur linken Seite fielen. Der Drang zu kämpfen wuchs stetig.

Eines Tages sandte ich einen Boten zum hohen Rat der Druiden mit der Bittschrift um eine Anhörung. Man stimmte der Bitte zu, und so fand ich mich einige Wochen später zu einer Versammlung ein, wo mein Anliegen vorgetragen wurde. Man prüfte den Beweggrund des Handelns und entließ mich schweren Herzens aus dem Druidenstand.

Von der alten Last befreit schrieb ich mich noch am selben Tag in der Akademie der Kämpfer ein. Aufgrund des Wissens um die Naturmagie, wiesen die Großmeister mir einen Platz bei den Champions zu. Der Umgang mit Waffe und Magie war ein ungewohntes Zusammenspiel, das mir bis zu diesem Tag vollkommen fremd war.

Jahre schweißtreibender Übungen vom frühen Morgen bis in den Abend verstrichen.

Es kam der Tag, wo Freiwillige für einen Patrouillengang gesucht wurden.

Begierig, die neu erworbenen Künste anzuwenden, gab ich meine Bereitschaft hierzu kund. Aufgrund guter Fortschritte ließ man mich gewähren.

Als das Zweihandschwert in meinen Händen das erste Mal Blut leckte, verfiel der Geist in Raserei. Die Klinge flog mit einer solchen Genauigkeit durch die Luft, als wenn ein Sonnenstrahl durch Butter dringt.

Jene Leichtigkeit war beklemmend und der Zorn, welcher jedes Mal brodelte, ließ kalte Schauer über meinen Rücken gleiten.

Mit der Zeit wuchs das Geschick, sowie die Sehnsucht nach Rache für all die Toten, die meine sterblichen Augen auf dem Schlachtfeld erblickten.

So führten die Wege immer häufiger zu den Orten zurück, an denen die gepeinigten Seelen nach Vergeltung riefen.

Die Zauber schwächten den Gegner, dann saugte die Klinge jeden Tropfen Leben aus den sterblichen Hüllen. Jeder Tod eines Feindes erfüllte mich mit einer unbeschreiblichen Genugtuung, ließ aber das Verlangen nach mehr Blut anwachsen.

Ja, Kalessin, so sitze ich nun hier, habe die Herkunft verraten und lasse mich von Rachegelüsten leiten. Ein Schatten liegt über meinem Herzen. Doch ich bin unfähig das zu ändern, was ich so sehr verabscheue.“

Sie blickte in seine trostlosen Augen. Schmerz wie auch Haß schienen sich vor ihr aufzutürmen wie eine gigantische Flutwelle.

„Was hat das Leben für einen Sinn, wenn man selber vom Tod umgeben ist und ihn nur als Ziel am Ende eines Lebens sieht?“ fragte sie.

„Gönnt Euch etwas Ruhe und sucht einen Priester auf, er kann sicher Eurer gepeinigten Seele Trost spenden.“

„Ja, das sollte ich wohl tun.“ Antwortete er, mit dem Blick in die Leere gerichtet.

Kalessin verabschiedete sich und ließ Ariakus in der Schenke zurück.

Der Abend hatte sich in der Zeit über das Land gelegt und so fragte der Kelte nach einem Zimmer. „Wirt, habt Ihr wohl ein Zimmer für mich?“

„Ich könnte Euch eine Kammer zur Straßenseite geben.“

„Das klingt gut, so kann ich die müden Glieder einmal wieder entspannen.“

Mitten in der Nacht drang eine leise Stimme in seine Träume.

Komm, folge der Bestimmung, widersetze Dich nicht dem, wozu Du bestimmt bist.

Kerzengerade saß er im Bett, den Schlaf noch in den Augen.

Sterne funkelten am nächtlichen Himmel.

War dies nur ein Traum gewesen?

Du kennst den Ort, warum zögerst Du?

Da war sie wieder, es war also doch keine Einbildung. Eine innere Stimme sagte ihm, daß er nach Innis Carthaig reiten solle. Hastig kleidete er sich an und verließ kurz darauf die Schenke durch den leeren Schankraum. Auf den Straßen liefen nur die Stadtwachen ihre Runden. In Mag Mell nahm er ein Pferd, machte in Ardagh einen kurzen Halt um dann weiter nach Howth reiten. Hier angekommen, schlug er die Route in das Cullen Moor ein.

Durch die gewaltigen Bäume im Wald vor Innis Carthaig ging der Ritt hindurch.

Gespenstische Stille schien den Ort zu umgeben. Am Ortstein sprang der Champion vom Pferd und lief, getrieben von Neugier sowie der Stimme, tiefer in das Moor hinein.

Die Siabras am Wachturm, an denen er vorbeilief, spürten eine Veränderung in der stickigen Luft. Der Eingang zu einer Schlucht tat sich auf, in der Schatten über das Licht herrschten und kleine Gestalten mit schimmernden Pigmenten ihr Unwesen treiben.

Er war am Ziel angekommen."





Geschrieben von Meldryn

mit der steinharten Korrektur von Kopremesis
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Beitragvon Kalessin » 14. Mai 2006, 22:26

... und weiter hörte nun ...


"...

Die Waldläuferin verließ die Taverne und schritt durch die Staßen des Ortes, getrieben von einer lange nicht mehr verspürten Unruhe.

Irgendwoher kam er ihr bekannt vor, der Champion ... es waren die Augen ... und auch die Geschichte ... ... aber diese Augen ...

Gedankenverloren schritt sie einher, nahm keine Notiz vom Treiben in den Gassen. Der Geldbeutel klimperte an ihrem Gürtel.

Kalessin erwachte erst aus ihren Tagträumen als sie schon längst durch das Tor geschritten und den Waldrand erreicht hatte.
Die kühle Luft des aufkommenden Abend, der feuchte Tau auf den Farnblättern, die ihre Knöchel streiften und der Schrei eines frühen Nachtvogels rissen sie ganz plötzlich in die reale Welt zurück.

Da war es : eine Vision :
ein junger Druide, eine sehr junge Waldläuferin, ein junger Beschwörer und ... der jüngste ... ein Krieger zusammen auf eine Lichtung ... es mußte Jahre oder sogar Jahrzehnte her sein.

Ariakus, der Druide, ... wie lange hatte sie nicht mehr an ihn gedacht ?
Damals, als sie alle noch in der Ausbildung waren, damals als sie alle noch gedacht hatten, der Krieg würde bald vorbei, das Reich bald wieder geeint und im Frieden sein ...
damals ... als sie noch Träume hatten,
damals...

Sie blieb vor einer mächtigen Kastanie stehen, lehnte sich gegen den starken Stamm und fühlte das weiche Moos unter den nackten Sohlen.
Erst jetzt spürte sie, wie Traurigkeit ihren ganzen Körper durchströmte.

Ja, bei den Sheevras hatten sie zusammen gejagt, so viele Male waren sie sich dort begegnet, hatten zusammen ihre Fähigkeiten erprobt und sich im Kampf gemessen.
Und nun ? Was war aus dem stolzen, klugen und mutigen Druiden geworden, wie hatte der Haß sein Herz nur so ergreifen und verdunkeln können ?

Sicher, auch sie hatte viel erlitten ... war dem Feind in die Hände gefallen und ihm dank Hilfe ihrer Gildenbrüder und-schwestern entkommen, hatte Tod und Verderben auf den Schlachtfeldern gesehen. Doch immer war es ihr Weg, waren es die Lehren ihrer Meisterinnen gewesen, die sie nicht zweifeln ließen.
Hatten denn Ariakus´ Lehrer gefehlt, ihn nicht darin unterwiesen, daß die Stunde kommen würde, in der einE jedeR sich dem Rausch des Mordens und seiner Selbstzerstörung entgegenzustellen hatte ?
Wie verzweifelt mußte er gewesen sein ?!
Und war denn damals keineR da, ihm zu helfen, ihn zu halten, ihm Kraft zu geben ?!

Kalessin setzte ihren Weg fort, tiefer in den Wald hinein.
Schon bald ward die Dunkelheit undurchdringlich - doch sie schritt einher, mit traumwandlerischer Sicherheit - ihre Sinne hatten noch nie die Orientierung verloren. (bis jetzt)
Nach zwei Stunden erreichte sie eine alte Weide, die ihre trauernden Äste in einem See ertränkte.
Kalessin beschloß, daß es nun Zeit sei, die inneren Bilder ruhen zu lassen.
Zu schwer war ihr Herz getrübt vom Anblick des Kriegers.
Seine Augen - der Anblick ging ihr nicht aus dem Kopf.

Sie erkletterte die Weide und ließ sich auf einem der höheren Äste nieder. Nachdem sie Schwert, Sichel, Bogen und Köcher an anderen Ästen verstaut hatte, schlang sie ihren Mantel fest um sich und bettete sich an den Stamm gelehnt.
Ein paar Kräuter mußten für diesen Abend reichen.
Sie schloß die Augen und wartete.
Ihr Atem ging ruhig, ihr Herz schlug immer langsamer ... ein Käuzchen durchbrach die nächtliche Ruhe mit seinem Schrei, ein paar Zweige knackten. Nebel kam auf.
Die Weide schaukelte sanft.

Vor ihrem inneren Auge entstanden erste Bilder, eine Vision begann.
Ihr Körper verlangte nach Schlaf, doch ihr Herz und ihre Sinne konnten icht loslassen.
Und wie sie nicht anders erwartet hatte, erschien das Bild des Kriegers vor ihr. Sie sah, wie er sich im Schlaf herum wälzte, er war noch in der Taverne. Jetzt stand er auf, sein Blick schweifte gehetzt umher. Wie ein in die Enge getriebenes Wild, so sah er aus. Kalessin fröstelte, schüttelte sich und konnte die Vision doch nicht vertreiben.
Sie sah Ariakus davon stürmen ... dann trübte sich das Bild und verschwand schließlich ganz.

Die Waldläuferin öffnete die Augen und faßte einen Entschluß."




Es verneigt sich,
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Beitragvon Kalessin » 14. Mai 2006, 22:27

Seid gegrüßt !


Erneut greife ich den Faden auf, den mein alter Freud weiterspann :



"Odem

Die Sonne kroch hinter den Hügeln langsam gen Zenit.
Ariakus stand wieder am Eingang jenes merkwürdigen Tales.
Gedanken schwirrten in seinem Kopf umher. Verwirrend waren die Empfindungen, jene Erfahrungen der Nacht. Tief in Gedanken versunken verweilte er dort und bemerkte nicht, wie sich ein Siabra-Späher vom nahegelegenen Wachturm an ihn herangepirscht hatte.
Ein Windhauch im Nacken riss ihn abrupt aus seinen Gedankengängen.
Aus dem Augenwinkel nahm er gerade noch den Dolch seines Angreifers wahr.
Blitzartig wendetet er seinen Körper dem Elfen zu, wobei er mit einer Handbewegung einen Zauber wob, der sogleich den Angreifer in seiner Bewegung lähmte.
Der Siabra-Späher sah seinen Vorteil schwinden und wollte das Weite suchen und konnte mit all seiner Willenskraft seine Füße in eine andere Richtung wenden.
Doch der Kelte schien nicht von ihm abzulassen. Kurze Zeit darauf wich sämtliche körperliche Kraft aus seinen Gliedern. Blankes Entsetzten machte sich in ihm breit.
Was oder wer war das hier, er war doch nur einer von vielen Eindringlingen, die nie das Moor lebend verlassen sollten. Egal was geschehen mochte, er musste für einen genaueren Blick von seinem Kontrahenten erhaschen und so wandte er seinen Kopf.
Ein eiskalter Schauer lief ihm sogleich den Rücken herunter. Augenblicklich starr vor Angst, blickte er in zwei grün funkelnde Augen, die ihn durchdringend betrachteten.
„Wer seid ihr“ stammelte er, als just im selben Augenblick ein Energieschwall durch seinen zierlichen Körper schoss. Sein Körper krampfte sich unter der Wucht zusammen und verweigerte jegliche Weisung seines Verstandes. Er schmeckte Blut, das aus seinem linken Mundwinkel in einem kleinen Rinnsal in das Gras fiel, auf dem sich das Morgenlicht noch in den Tautropfen spiegelte.
Der stechende Schmerz in der Seite, schien wie ein lang ersehnter Schlaf zusein. Schlaff sackte der Siabra-Späher in sich zusammen.
Das grüne Augenpaar hatte die ganze Zeit nicht von ihm abgelassen. Emotionslos starrten sie auf den reglosen Körper im Gras.
„Du warst zur falschen Zeit, am falschen Ort, Junge!“

Ariakus wandte sich vom Ort des Geschehens ab um noch vor dem Erwachen der Hauptstadt, wieder in der Taverne zu sein. Sein Gaul weilte immer noch am Ortsstein und graste dort gemächlich. Hastig schwang er sich in den Sattel und trieb das Pferd zur Eile. Die Bäume zogen wie im Fluge vorbei. Immer schneller wurde der Galopp und alsbald bildete sich durch die unsagbare Anstrengung Schaum vor dem Maul des Pferdes. Entsetzt stoben die Eriu-Wegelagerer und Eriu-Beutejäger auseinander als sie den Gaul mit donnernden Hufen auf sie zukommen sahen und flohen in die Sicherheit der Hügel. Schnaubend kämpfte sich das arme Tier über Hügel und weite Täler. Als der See zwischen Howth und Mag Mell zur Rechten auftauchte wurde das Tempo aber nicht gemächlicher, nein, er entlockte dem eh schon erschöpften Tier die wenige noch verbliebene Kraft. Niemand durfte seine Abwesenheit bemerken. Fragen waren genau das, was er nun nicht gebrauchen konnte, wie sollte er auch nur annähernd schildern, was geschehen war. Noch vor den funkelnden Türmen von Mag Mell sprang er vom Gaul und rannte im Schutz des Waldes zum Nordtor Tir na Nogs. Von Haus zu Haus huschend, wich er der Stadtwache aus. Gehetzt blickte Ariakus sich immer wieder um nur um festzustellen, das dort niemand hinter ihm war. In der Schenke, wo er abgestiegen war, regte sich noch nichts. Wieder in der Kammer, fiel er endlich in einen unruhigen Schlaf.
Die Sonne hatte den Zenit schon längst überschritten, als er, immer noch etwas gerädert von dem nächtlichen Ritt, erwachte. Reges Treiben herrschte schon lange in den Straßen der Stadt und um den Schlaf gänzlich aus seinem Leib zu vertreiben, tauchte er sein Gesicht in eine Schale mit kalten Wasser, die auf einem kleinen Tisch in der einen Ecke seiner Kammer stand.
Ruckartig wich die Müdigkeit aus den Gliedern und so stieg er die breite Treppe zum Schankraum herab.
„Ihr habt ja einen gesunden Schlaf, Champion“ sagte der Wirt mit einem fröhlichen Lachen hinter dem Tresen. „Darf ich Euch etwas zur Stärkung für den Tag bringen?“
„Ja“ kam nur als knappe Antwort zurück.
„Darf man fragen was euch in die Hauptstadt trieb, seid ihr geschäftlicher Natur hier?“
„Ich kehre gerade vom Schlachtfeld heim und gehe heute in die Akademie, um meine Ausbildung fortzusetzen.“
„Oh, die Akademie, da müsst ihr aber ein guter Kämpfer sein, denn weinerliche Buben habe ich dort noch nie bisher gesehen.“
Der Kelte hob sein Haupt und schaute den Wirt mit einem müden Lächeln auf den Lippen an.
Kurz darauf verschwand die stämmige Gestalt durch die Flügeltür zur Küche und kehrte mit einer gusseisernen Pfanne und etwas Brot zurück.
„So lasst es euch denn munden.“
Pilze, gebratener Speck und Eier dampften in der Pfanne. Langsam, schon etwas lustlos, vertilgte er die Speisen. Nachdem er die Pfanne geleert hatte, wandte er sich an den Wirt: „Was schulde ich Euch für die Nacht und die Speisen?“
„Vier Goldtaler und die Zeche soll beglichen sein, werter Krieger.“
Er kramte nach einem ledernen Beutel und fingerte kurz darauf vier blinkenden Goldtaler daraus hervor. Gesättigt legte er sie auf den Tisch und wandte sich zum Gehen.
„Beehrt mich einmal wieder und berichtet mir dann von den ruhmreichen Taten auf dem Schlachtfeld“ rief ihm der Wirt hinterher.

Hatte sich die Welt um ihn herum verändert, oder handelte es sich um einen inneren Wandel?
Alles um ihn herum wirkte so warm und lebendig. Ihn umfing eine Eiseskälte. Mit Argwohn betrachtete Ariakus das Treiben in der Stadt, als er den Weg von der Taverne zur Akademie zurücklegte, deren Tore in der Nacht verschlossen blieben. In Gedanken vertieft, fand er sich kurz darauf vor dem Tor zur Champion Akademie wieder. Innehaltend verweilte der Kelte dort. Seltsam, obwohl dies seine neue Heimat war, vermittelten seine Gefühle ihm, dass er hier fremd war.
„Du grübelst zu viel“ riss er sich aus dem Gedankengang. Zögerlich durchschritt der Championstudent den Torbogen. Zwei Torwächter musterten den Ankömmling kühl. Nach dem Torbogen erstreckte sich ein ausgedehnter Park mit einer Wiese und vereinzelten Bäumen, die schattenspendend ihre Schatten auf das Grün warfen.
Zu seiner linken übte sich ein Semester im Weben der ersten Zauber.
Das Schmunzeln konnte er sich dabei einfach nicht verkneifen. Zu sehr erinnerte es ihn an seine eigenen zaghaften Schritte. Die Klinge entglitt wiederholt ihren Händen und fiel in das dichte Gras, als sich die Neulinge auf den Zauber konzentrierten. Aber wie sein Waffenmeister Echlin damals schon sagte: Der Weg ist das Ziel.
Die Sonne schien auf das Areal hinab. Ein wahrlich schöner Sommertag, doch während er dort so seinen Erinnerungen nachging, riss ihn eine barsche Stimme aus den Gedanken: „Meldet euch unverzüglich bei Meisterin Lasairiona, Bursche!“ Und schon verschwand der Wächter, einer von vielen, die ein wachsames Auge auf die Akademie und das Treiben vor dem Tore hatten. So eilte der Kelte in das Hauptgebäude zu der anberaumten Audienz. Ariakus hechtete eine breite Treppe, gesäumt von hohen Säulen, hinauf, die den Eindruck beim Betrachter erweckten, es handle sich hier um einen Tempel. In der Eingangshalle hingen hibernianische Banner von den hochgeschossenen Wänden. Marmor erstreckte sich unter seinen Füßen. Legendäre Waffen aus vergangenen Schlachten hingen in ihren Halterungen.
Malereien zeigten verblichene Veteranen, die in der Schlacht um ihr Land gefallen waren.
In gläsernen Vitrinen befanden sich Pokale, welche bei Turnieren errungen worden waren.
Solche Pracht, doch war sie, nein, sie würde eines Tages wie alles mit der Zeit vergehen, wie alles etwas neuem wich. Waren sie nicht nur verzweifelte Versuche, etwas längst vergangenes nicht gänzlich in Vergessenheit zu geraten lassen?

Der Klang seiner Stiefel hallte in den langen Fluren wieder. Irgendwann hatte er die doppelflügige Tür erreicht, hinter der sich das Arbeitszimmer der ranghöchsten Championess Hibernias verbarg. So ergriff der Student einen der massiven Türklopfer und ließ seine Anwesenheit durch ein dreimaliges Pochen ankündigen. „Tretet ein!“, erschall es von drinnen. Hastig öffnete er die Türe und schloss sie fast lautlos hinter sich wieder.
„Da seid ihr ja. Ich ließ euch rufen um euch über eine Entscheidung bezüglich der weiteren Ausbildung hier zu unterrichten. Wie man mir zutrug, weilt ihr ja bereits einige Zeit an unserer Akademie und nach den Einschätzungen eurer Ausbilder im bewaffneten Kampf wie in der angewandten Kampfmagie, sollt ihr ein vielversprechender Student sein.
Daher ließ ich euren Wechsel in die nächsthöher gelegene Gruppe vollziehen. Von Zeit zu Zeit werde ich mir einen Rapport von den Ausbildern einholen um zu sehen, ob die Vorschusslorbeeren, welche man euch heute zuteil werden lässt, gerechtfertigt waren.
Enttäuscht uns nicht, Championstudent Ariakus. Ihr könnt auf die Kammer nun wegtreten.“

Das eben Gehörte noch bewegend, verließ er den Raum und bewegte sich dann zu den Unterkunftsgebäuden, welche sich zur Rechten wie zur Linken an das Hauptgebäude erstreckend anschlossen. Sein Reisegepäck geschultert, folgten seine Schritte den befestigten Wegen und er betrat schließlich den Block, wo sich die ihm zugeteilte Kammer befand.
Als Ariakus das Innere des Unterkunftsgebäudes betreten hatte, durchflutete kühle Luft seinen Rachen, während draußen Hummeln um die Blumen im Park schwirrten.
Bedächtig zog der Kelte den Schlüssel zu seiner Türe aus einer Tasche. Knarrend schwang diese auf. Die Kammer bot Raum für einen massiven Studiertisch, einem Bord mit verschiedenen literarischen Werken zur Kriegskunst und einigen Folianten über die unterschiedlichen Formen der Magie und deren Auswirkungen, die aus der Halle des Wissens entliehen worden waren, einem Schrank, in welchen just das Reisegepäck abgelegt wurde und einer rustikalen Ruhestätte für die Nacht. Der Ausflug der vergangenen Nacht steckte noch in seinen Gliedern und so bettete er sich auf sein Lager. Im Schlaf verging die Zeit wie im Fluge und als er das zweite mal an diesem Tag erwachte, war es bereits abends und die Zeit der allabendlichen Speisung im Speisesaal war bereits vorbei. So machte sich der Kelte auf, in der Hoffnung, zumindest etwas Obst zu ergattern.

Da Ariakus den Tag mit schlafen verbracht hatte, musste nun das Studieren der Bücher bis tief in die Nacht verlegt werden. Es entwickelte sich zur Gewohnheit. Tagsüber döste er unter einem Baum in der warmen Nachmittagssonne oder in seiner Kammer. Wenn die Kühle der nahenden Nacht die Insekten im Park zum Schweigen brachte, erwachte das Leben in ihm. Im Schein einer Öllampe studierte er Formeln und Taktiken der alten Meister. Sein Eifer ließ ihn über dies das Gefühl für die Zeit verlieren und so war es nicht selten der Fall, dass ein Hahn den nahenden Morgen begrüßte, während der Champion noch in die Folianten vertieft war.
Wissen ist für den einen nur ein Gefüge aus Buchstaben, jedoch für ihn war es lebendige Materie, die man, wie ein Schwamm das Wasser aufzunehmen vermag, verinnerlichen konnte.
Mit dem Wissen wuchs die Macht und mit dieser die Entschlossenheit.

Des Nachts zirpten die Grillen im Park und des öfteren öffnete der Championstudent dann die Fenster zu seiner Kammer um dem Klang zu lauschen. Direkt vor seinem Fenster stand ein alter Baum in der Parkanlage, dessen Blätter rauschten, wenn der Wind durch das Blätterdach strich. Jedes Mal, wenn er den Baum eingehender betrachtete, schmerzte sein Herz und ein Zerriss peinigte ihn. Da kehrten längst für vergessen geglaubte Erinnerung aus der alten Zeit in seine Erinnerung zurück. Mit einer Handbewebung versuchte er dann die Gedanken zu verscheuchen.
Er hatte den neuen Weg beschritten, um den Ereignissen von damals zu entfliehen und Rache zu üben an den Feinden seines Landes. Wie vermochte in all der bisherigen Zeit nur ein Funke der Druiden in ihm überdauert haben?
Da vernahm er den Ruf eines Cailleach-oidche aus der Baumkrone vor seinem Fenster.
Konnte dies alles ein Zufall sein, gab es diese Begebenheiten überhaupt oder wurde nicht doch jeder Schritt von den Göttern gelenkt auf dem Weg, den die Firbolgs schlicht als Weg des Seins betrachteten?

In den darauffolgenden Nächten, wenn sich Ariakus in die Bücher vertiefte, leistete ihm fortan die kauzige Gestalt im Baum Gesellschaft. Als wenn der Cailleach-oidche mit ihm zu sprechen versuchte, rief er in die Nacht hinaus und schaute ihn mit seinen dunklen Augen an, wobei er den Kopf zur Seite legte.
„Was bist du nur für ein Gesell...hm?“ fragte sich der Kelte eines Abends.
Da plusterte sich die gefiederte Kreatur auf und flog durch das allabendlich geöffnete Fenster und landete auf dem Schreibtisch. Fasziniert vom dem Wesen, das dort vor ihm hockte, hielt er in seinen Studien inne. Behutsam näherte sich eine Hand dem Cailleach-oidche. Zutraulich, als würde schon seit ewigen Zeiten eine Bindung zwischen ihnen bestehen, hüpfte das gefiederte Wesen auf seinen Handrücken und ließ sich auf der Schulter absetzen. Von dort beäugte es das Treiben auf dem Tisch, als wisse die Kreatur um die Geheimnisse, welche sich in den Folianten vor ihm verbargen.
Von diesem Abend an verband eine tiefe Vertrautheit den Champion und seinen gefiederten Begleiter mit dem braunen Federkleid. An jedem Ort, wo sich Ariakus aufhielt, sah man ihn fortan mit dem Cailleach-oidche auf seiner Schulter.

Die Zeit des Studiums verstrich wie ein Blatt, welches vom Wind fortgetragen wird. Seine erzielten Fortschritte blieben nicht im Verborgenen und so erzählte man sich innerhalb der Mauern von jenem Kelten und seiner außergewöhnlichen Befähigung und dessen ständige Begleitung. Seine Meister wachten über jeder seiner Übungen. Und es war nicht verwunderlich, dass die Kunde selbst zur Meisterin der Akademie drang. Daher beraumte diese an einem Tag wie jedem anderen eine Zusammenkunft aller Meister an, um sich aus erster Hand über die Geschehnisse und Fortschritte an dieser ehrwürdigen Stätte unterrichten zu lassen. Dadurch war es möglich sich ein Bild von den jungen Studenten zu bilden, ohne dass diese in der Lage waren, ihre Leistungen besser dazustellen, als sie in Wirklichkeit waren. So fanden sie sich alle im Hauptgebäude ein und jeder Mentor trug seinen Rapport zu seinen Schützlingen vor und legte Lasairiona Schwächen wie Herausragendes dar. Kritik wie Anerkennung kamen aus ihrem Munde. Wie ein zweischneidiges Schwert selektierte sie das Gehörte. Ihr Tadel war gefürchtet, aber doch entschied sie hart wie ein Fels und zugleich gerecht. Das Ziel der Einrichtung war es, nach drei Jahreszyklen fähige Kampfmagier in die Dienste des Landes Hibernia zu entlassen und für Faulenzer und Taugenichtse war hier kein Platz. Es gab eine Tradition zu verteidigen, die zu einem hohen Leistungswillen anspornen sollte. Dem einen ging diese Kunst leichtfertiger von der Hand, andere verbrachten viel Zeit mit schweißtreibenden Übungen um den starren Geist und trägen Körper aus den natürlichen Schranken zu befreien.

Nach einer Zeit kam man auf den jungen Studius mit Namen Ariakus zu sprechen.
Lasairiona: „Meister Siodhachan, es ist nun an euch mir über Ariakus zu berichten.“
Meister Siodhachan: „Unsere Hoffnungen scheinen sich zu bestätigen. Seine erzielten Fortschritte übertreffen sogar meine Erwartungen aus Erfahrungen mit ähnlichen Anwärtern vergangener Tage. All unsere Mühen haben sich nicht im Sande verlaufen. Sein Wissen ist fundiert und ja, man könnte schon fast sagen, die Magie scheint in seinen Adern zu fließen, als habe sie schon immer dort geschlummert. Wir mussten ihm lediglich behilflich sein, sie aus dem Schlaf zu holen.“
Waffenmeister Echlin: „Wie er die Waffe zu führen pflegt, mit einer solchen Genauigkeit, ja, ich bin mir sicher wenn ich sage, dass aus ihm eines Tages ein Meister werden könnte im Umgang mit der Waffe.“
Lasairiona: „Das klingt alles sehr erfreulich. Wir sollten daher ruhig das Ritual einläuten und die Prozedur der vier Prüfungen ihm auferlegen. Der Weg über jene drei Schlachtfelder ist ja legendär, aber bei der vierten Aufgabe sollte sich uns offenbaren, wie es tatsächlich um seine Fähigkeiten bestellt ist. Noch keiner vermochte uns bis heute auf der Suche, zu der wir uns verpflichtet haben, behilflich zu sein. Wer weiß, vielleicht findet unser junger Champion eine Spur.“
Meisterin Cordelia: „Zu welchem Zeitpunkt sollen wir den Tross entsenden?“
Lasairiona: „Zwei Wochen sollten mehr als ausreichend sein für die notwendigen Vorbereitungen. Doch unterrichtet unseren Anwärter wie gehabt erst zwei Tage vor Aufbruch von dem Vorhaben.“
Die Versammlung löste sich auf.

In der Stadt beauftragte man wie gehabt einzelne Zünfte mit der Fertigung von Kriegsgerät und Händler mit der Bereitstellung von Proviant für den Feldzug. Das war jedesmal ein erträgliches Geschäft für die Landeshauptstadt.
Wie es der Ritus vorschrieb trat zwei Tage vor Aufbruch einer der Wachen der Akademie an den Prüfling heran.
Wache: „Ihr seid doch Ariakus, oder Bursche?“
Ariakus: „Ja, in der Tat, jener steht vor euch, Wächter.“
Wache: „Haltet euere Ausrüstung bereit, denn in zwei Tagen werdet ihr die Akademie verlassen! Wohin es geht werdet ihr noch früh genug erfahren.“
Diese Zeitspanne offenbarte gewöhnlich schon, wie gefestigt der Student war, oder ob er sich in Anbetracht etwas Unbekanntem aus der Fassung bringen ließ. Ariakus verbrachte die verbleibenden zwei Tage im gewohnten Takt. Ganz im Gegenteil, nichts hatte er sich mehr herbeigesehnt, als eine Herausforderung, in der er sein erworbenes Können unter Beweis stellen konnte.

Als die Sonne sich am Tag des Aufbruchs über die Hügel schob, hatte so mancher Proband sich unruhig in der Nacht auf der Schlafstätte herumgewälzt. Der Kelte hingegen sah diesen Tag als Beginn von Herausforderungen, der er sich nur zu gern stellen wollte. Angst schien ihn nicht zu berühren und die Aussicht auf etwas Unbekanntes eher noch anzuspornen.
Man rief zur Mittagsstunde alle Studenten, die für diese Reise ausgewählt worden waren, im Hof zusammen.
Wache: „Verstaut eure Gepäcke auf den Pferden und wartet auf weitere Befehle!“
Reges Treiben hielt Einzug in die noch verschlafene Masse. Kurze Zeit später ließ man aufsteigen und der Tross setzte sich in Bewegung. Tage später zeichnete sich eine Festung am Horizont ab.
Meisterin Cordelia: „Wir nähern uns Thidranki. Dort werden wir unser Feldlager aufschlagen und das Kriegsgerät aufbauen.“
Wenige Stunden später hielt der Tross vor den Toren der Festung, die sich bedauerlicherweise aus Sicht der Meister in hibernianischer Hand befand. Aber wo das grüne Banner wehte, waren für gewöhnlich stinkenden Barbaren und feige albionische Narren nicht allzu weit weg.
Meisterin Cordelia: „Ladet die Ausrüstung ab und errichtet das Lager!“
Klopfen von Hämmern löste die Ruhe um die Festung ab, bis sich ein großes Feldlager vor ihr ausgebreitet hatte. Handwerker errichteten Balistas und Katapulte in der Verteidigungslinie des Lagers. In der ersten Nacht rührte sich nichts und so hatte die Lagerwache einen ruhigen Dienst. Ariakus hingegen saß beim Schein einer Öllampe noch spät in der Nacht in seinem Zelt und fieberte dem entgegen, was nun unausweichlich wie ein Scanradh auf leisen Pfoten auf ihn zuschlich. Im Laufe des kommenden Tages ertönte das Schlachtenhorn der Wachen, Späher hatten einige Ritter ausgemacht, welche sich ,ihrer Sache sicher, ohne weiteren Schutz auf Thidranki zubewegten.

Meisterin Cordelia: „An die Geschütze und haltet euch bis zum Zeichen in den Zelten verborgen, sollen sie doch denken, das sie uns im Schlaf überrascht hätten.“
Das war es also, auf nichts hatte er in all der Zeit der Studien mehr gewartet, wie auf diesen Tag. Sein Blutdurst erwachte. Das Zweihandschwert ruhte kühl in seinen Händen. Hass keimte in ihm wie ein aufziehendes Unwetter – da ertönte das Signal.
Pfeile sirrten durch die Luft, Befehle gellten über das Lager. Ariakus stürmte aus seinem Zelt.
Meisterin Cordelia: „Wartet ab, lass sie erst noch näher herankommen!“
Glänzende Vollhelme reflektierten das Sonnenlicht. Prunkvoll rückte da eine kleine Streitmacht näher, die sich dem gegnerischen Heer weit überlegen fühlte.
Im Namen ihrer Kirche stürmten die Krieger Albions vor. Wer sich auf einem königlichen Kreuzzug befand, konnte nicht unterliegen.
Schlachtengeschrei mengte sich unter den Kriegslärm. An einigen Fronten des Lagers trafen die Recken Hibernias auf ihre Unterdrücker. Der Champion kundschaftete die Lage aus. Das gegnerische Heer war nicht geschlossen vorgestürmt. Einzelne Kämpfer hielten sich in sicherer Entfernung zurück. Verluste gab es auf beiden Seiten, doch das brachte eine Schlacht nun einmal mit sich. Ihn interessierten vor allem die feigen Bastarde hinter der feindlichen Linie. Im Laufen schnallte er sich die Waffe auf den Rücken und lief von hinten um das Lager und umging so Kampfeslinie. Am Flussufer angekommen, setzte der Kampfmagier seinen gefiederten Begleiter auf einen Handrücken, den er in die Luft erhob.
Ariakus: „Flieg Freund, und zeig mir wo sie sich zu verbergen versuchen.“
Geschwind erhob sich da der Cailleach-oidche in die Lüfte. Fast unscheinbar wirkte dieser dort am Himmel und umkreiste das Terrain unter sich. Dem scharfen Blick des Vogels blieb nichts verborgen, so erspähte dieser eine Gestalt im Wäldchen und stieß einen Ruf aus, um so seinem Herren zu signalisieren dass er fündig geworden war.

Durch einen Fluss watend erreichte Ariakus das andere Ufer. Da nahm er eine Bewegung zwischen den Bäumen vor ihm wahr. Die Nachhut wollte anscheinend das schützende Weite suchen. Die Wut übernahm die Kontrolle über seine Handlungen. Sein Gegner kam aus der schützenden Deckung des Waldes hervor, da er so weit hinter der Kampfeslinie keinen Angreifer vermutete. Voller Hass glommen die Augen des Kelten. Schnell warf er einen lähmenden Zauber auf die Gestalt vor ihm.
Die Hand verharrte, als sie nach dem Schwert greifen wollte. Mit einem tosenden Schrei riss der Kampfmagier seine beiden Hände nach vorne. Bläulich zuckten Wolken, waberten aus den Handflächen. Jener Bretone dort vor ihm blickte voller Entsetzen in die Augen seines Gegenübers, da schoss eine Druckwelle auf seine Brust zu, die ihm die Luft abschnürte. Nach Luft ringend griff er sich an die Kehle. Da hob ihn im selben Augenblick eine schier unglaubliche Kraft vom Boden des Wäldchens.
Winselnd hing er da nun, lediglich Verachtung erntend aus jenem grünen Augenpaar.
Beide Hände ruckartig zusammen pressend, zerschmetterte der Champion die Wirbelsäule seines Opfers, leblos fiel dies augenblicklich zu Boden. Kurz hielt der Kelte darauf inne, griff sich an den Umhang und riss einen Fetzen heraus. Er wickelte sich diesen um zwei Finger der rechten Hand und tauchte diese in eine der klaffenden Wunden des leblosen Körpers vor ihm.
Vom Blut des Bretonen getränkt unterzog der Championstudent den getränkten Stoff vor seinem Gesicht einer eingehender Betrachtung.
Es war erst nur ein schmales Lächeln, welches zu einem Lachen anschwoll. Ungefähr eine halbe Meilen entfernt, war noch das bösartige Gelächter zu vernehmen, als durch das Tuch die Schuppen seiner Ärmel mit dem Blut bestrichen wurden, bis diese ihre ursprüngliche Farbgebung eingebüßt hatten.

Ariakus: „Für einen wie dich, wäre das Schwert doch eine Vergeudung gewesen.“


Geschrieben von Meldryn
mit der steinharten Korrektur von Kopremesis"
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Kalessin
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Beitragvon Kalessin » 14. Mai 2006, 22:31

Seid gegrüßt !


Ds Schicksal meinte es nicht gut, und so höret, wie es weiterging ... :



"Odem II


Der Mond stand noch hoch am Himmel – eine große silberne Scheibe, die die Phantasie aller Völker und Rassen beflügelt. Doch Kalessin, die Waldläuferin schenkte den Bildern vom rennenden Hasen, der alten Frau oder dem liebenden Paar diesmal keine Beachtung.

Fast lautlos glitt sie den schlanken Stamm der Weide nach unten und ergriff dabei ihre wenigen Habseligkeiten : die Waffen und einen leichten Kräuterbeutel. Kaum ertasteten die Füße wieder das weiche Moos, schon verfiel die Elfin in leichten Laufschritt.
Müdigkeit und Hunger waren wie weggefegt, alle Gedanken kreisten um den ehemaligen Druiden, Ariakus ... ihr Gehirn schoß Gedankenblitze durch die Nacht : wo war er – was hatte er vor ? Nur undeutlich sah sie vor ihrem inneren Auge ein galoppierendes Pferd – verdammt sie würde ihn niemals einholen können.
Dennoch rannte sie weiter, Äste peitschten durch ihr Gesicht und hinterließen blutige Kratzer, dornige Ranken zerrten an ihrem braunen Umhang. Längst hatte sie sich ihren Gefühlen ergeben und die sichtbaren Pfade verlassen. Ein Igel schnaufte auf, als sie seine Fährte kreuzte und eine Fledermaus verfolgte sie kurz mit ihren schrillen Schreien ... sonst war es ungewohnt still im Wald, als hielte er selbst den Atem an.

Kalessin lief die halbe Nacht hindurch. Als die Morgendämmerung aufstieg, verweilte sie kurz um ein paar Schlucke Wasser aus einem Bach zu schöpfen. Der Mond warf noch immer genug Licht, um jeden Tropfen in eine schimmernde Perle zu verwandeln.

Endlich lag der Rand des Waldes vor ihr. Schwankend kam die Elfe unter einer alten Erle zum Stehen. Ihr Atem ging nur noch stoßweise und gerade als sie wieder ein inneres Bild von dem Kelten erhaschen konnte, wurde ihr schwindelig. Sie stürzte und ein erstickter Schrei entwich ihrer Kehle : Blut, Tod, Grauen, Kälte ... das alles gewann so plötzlich Macht über ihre Gefühle, daß sie ins Bodenlose stürzte.
Ein letztes Bild zeigt das wutverzerrte Antlitz eines Kriegers, der sich dem Todesrausch hingab. Dann wurde es dunkel um die Waldläuferin.

Erst als die Sonne dem Zenit entgegenging kam Kalessin zu sich. Sie fühlte sich ausgezehrt, alle Glieder schmerzten und das Herz schien ganz zerrissen. Wieder einmal hatte sie die Grenzen ihrer geistigen Fähigkeiten mißachtet. Wieder einmal war ihr die mangelnde Distanz zum Verhängnis geworden.
Was war nur geschehen ? – Jeder Versuch eines festen Gedankens rief ein dumpfes Pochen hinter ihren Schläfen hervor. Und doch flackerte kurz das Bild des Recken auf . ... Er ... hatte getötet ... genau in dem Moment, da sie ihn fand ... jetzt sah sie auch klar, wo es gewesen war: im Moor und ein Siabra war das Opfer – ein Elf. Wenn auch ein Geächteter, es war ein Elf gewesen. Kein Wunder, daß ihr Sturz so heftig, so tief, so endlos war, hatte sie doch zugleich auch dessen Tod gefühlt, und grauenvoll war der gewesen.
Kalessin stöhnte auf. Was sollte sie nun tun ? In welche Lage hatte sie ihre Unüberlegtheit wieder einmal gebracht ?
Sie schätzte die Entfernung zur nächsten Ortschaft : Ardagh – nicht einmal ein Viertel des Weges hatte sie in der Nacht geschafft ... doch wie auch ?
Falls das Ziel des Kelten nun wieder TirNaNog war, so konnte sie sich etwas Zeit lassen. Auch er war gestern am Ende seiner Kräfte gestern gewesen, wie würde er sich dann heute erst fühlen – nach einer derartigen Nacht. Sie wollte es nicht wirklich wissen, erhob sich statt dessen und taumelte vorwärts. Eine Blumenwiese lag zu ihren Füßen, die darauf herum springenden Kröten verschwammen vor ihren Augen.
Gegen Mittag erreichte Kalessin Ardagh. Die ortsansässige Heilerin musterte die zerrüttete Persönlichkeit vor sich kritisch. Doch als die Elfin etwas von einem Duell mit einem Firbolg-Druiden murmelte, nickte die Weise höflich und gab ihr ein paar stärkende Kräuter. „Doch gebe ich Euch einen dringend´ Rat : sucht schleunigst das Haus der WaldläuferInnen auf und begebt Euch in deren Pflege. Euer Zustand ist sehr kritisch und meine Künste reichen dafür bei weitem nicht aus. Viel Glück, gehabt Euch wohl!“ sprach sie.
Kalessin folgte dem Rat sofort und fand sich wenig später auf einem Pferd gen Norden wieder. Die Kräuter hatten ihren Körper zwar gestärkt, sie fühlte wie das Blut in den Adern pulsierte, doch ihr Geist ... ihr Geist ... ihr Geist (?) ... immer öfter setzte der Verstand aus. Ein paar Mal wäre sie fast vom Pferd gefallen, das Tier trottete zügig die Nor-Süd-Route entlang, augenscheinlich froh, daß es nicht von einem kampfeswütigen Heroen angetrieben wurde.
Hibernias Landschaft glitt an der Elfin vorbei, sie nahm nichts mehr davon wahr – weder die Bilder von den friedlich verschlafenen Dörfchen, den sattgrünen Wiesen und kleinen dunklen Wäldchen, noch die im Kampfe trainierenden Maiden und Recken am Wegesrand drangen durch ihre Wahnphantasien hindurch.

Gegen Nachmittag erreichte das Tier mit seiner Reiterin den Nordeingang der Hauptstadt Tir NaNog. Kalessin hatte einen Zustand erreicht, in dem sie Realität und Halluzination nicht mehr voneinander zu trennen vermochte. Sie taumelte an den Portalwachen vorbei, die vertrauten Straßen entlang und erreichte schließlich das Tor zur Akademie der BogenschützInnen.
Die alte Gosna, eine erfahrene Lurikreen-Nachtschattin sah sie kommen und erfaßte mit einem Blick die Lage in der sich die Elfin befand. Sie brachte Kalessin ohne viele Fragen in eines der freien Einzelzimmer und ließ ihr abgekochtes Wasser und Kräuter bringen. Einer Schülerin wurde aufgetragen, bis zum Morgen über die Waldläuferin zu wachen.
Kalessin überstand diese kritische Zeit fiebernd und krampfend. War sie bei Bewußtsein, rief sie Ariakus´ Namen und murmelte düstere Prophezeiungen von Tod und Haß.

Erst nach einigen Tagen ging es ihr körperlich wieder so gut, daß sie das Ausbildungslager verlassen konnte. Der erste Weg führte jedoch zu ihrer Meisterin, der Waldläuferin Mavelle. Diese musterte die Elfin lange, die gesenkten Hauptes vor ihr stand. „Kalessin !“ raunte sie, dann lauter : „Ihr seid noch nicht so weit, wie Ihr es gerne wäret ! Ihr seid mit Euren Gedanken weit besser als mit dem Bogen, obwohl auch daran wenig auszusetzen ist ... doch vergeßt Ihr´s immer wieder : an erster Stelle stehet Euer Schutz – nichts sollte mehr Bedeutung für Euch haben !“ Kalessin verbeugte sich leicht, um Einsicht und Zustimmung zu signalisieren. „Was nutzt Ihr uns als Tote ? Wir brauchen Euch, das Land ist in so schwerer Lage ! Die Feinde sind im Besitz alle Relikte und die Allianzen sind zerstritten. Immer mehr Gilden spalten sich und versinken damit in der Bedeutungslosigkeit. Ihr seid Botschafterin und keine Elevin mehr ! Eure Gilde braucht Euch – ja – und noch mehr wir hier. Ihr werdet vorläufig in TirNaNog bleiben, um hier für uns zu wirken. Und ... damit ich ein Auge auf Euch haben kann ! Es wird noch Wochen dauern, ehe Ihr es wieder wagen könnt, Eure Seele auf Reisen zu schicken und telepathische Kräfte erwecken zu können. Ihr solltet Euch vorläufig von gefährlichen Orten fernhalten. Geht jetzt !“ Kalessin nickte stumm und entfernte sich eiligst. Erklärungen wurden hier nicht geduldet und Widerspruch war in diesem Fall überflüssig. Dennoch hatte die Besorgnis im Blick der alten Meisterin sie tief getroffen.

Kalessin trat auf den Marktplatz und überließ sich dem Treiben vor den Toren des königlichen Palastes. Gerüche verschiedenster Kräuter und Gewürze drangen in ihre Nase, FarbenhändlerInnen priesen die neuesten Trends, MarktschreierInnen boten Waffen, Kleidung und Handwerksmaterialien feil. Das alles überlastete die Sinne der Genesenden, Kalessin sank erschöpft auf einen Stein und ließ sich von der Sonne wärmen, nach der sie sich in ihrer dunklen stillen Kammer so gesehnt hatte. Sie lauschte dem Stimmengewirr und überlegte gerade, ob sie vielleicht etwas Essen sollte, da fiel ein Schatten auf ihr Gesicht. Sie wandte den Blick nach oben. „Seid gegrüßt, edle Kalessin ! Euch suche ich schon seit vier Tagen. In der Akademie schickten sie mich hierher.“ Soso, ließen die Schwestern nicht einmal hier ihre geistigen Augen von ihr. Die Elfin erhob sich etwas unbeholfen, und umarmte den Recken der sie angesprochen hatte, er trug das Banner ihrer Gilde, dem „Orden des Drachenfeuers“. Der Firbolg gab die Umarmung herzlich zurück, doch er war klug genug, keine Fragen zu stellen. Er kannte die Botschafterin nur zu gut. „Heut´ Abend beim Gildentreffen geht es um die Zukunft unserer Allianz – werdet Ihr kommen können ?“ „Ja ... sicher ...“, Kalessin stockte kurz, dann seufzte sie : „Nichts anderes würde die Meisterin mir erlauben !“ Der Recke wirkte etwas beruhigter. „Gut ! Und nun sagt mir, wie ich Euch helfen kann.“, er flüsterte und Kalessin mußte lächeln.
„Findet heraus für mich, wo Ariakus, der Champion-Schüler sich aufhält, und ich stehe tief in Eurer Schuld.“
„Nun denn, ... wenn ein and´rer Recke Euch das Herz verdunkelt ...“
„So ist es nicht, edler Freund, ich sorge mich um seine Seele !“
Der große Firbolg nickte kurz, „Nun gut ! Heut´ Abend wißt Ihr was der Schüler treibt.“ Er verbeugte sich und wandte sich zum Gehen.
„Habt Dank !“, flüsterte Kalessin. Er drehte sich noch einmal um und nickte freundlich, dann zog er schwerfällig stampfend davon.

Doch schon eine Stunde später war der Hüne wieder da; Kalessin saß derweil bei einem Schmied und ließ ihre Sichel schleifen.
„Wohl an, Teuerste, der Recke den Ihr sucht ist in der Akademie der Champion. Er trainiert dort eifrigst und ich hörte er sei ein Mann, auf den die Ausbilder große Stücke halten. Es wird gemunkelt, sie wollen ihn bereits zur nächsten großen Prüfung zulassen.“
„Habt Dank ... ... Bruder !“, die Waldläuferin errötete leicht.
„Nun, Schwester ... Ihr wißt doch, daß Ihr Euch auf mich verlassen könnt - IMMER – wir seh´n uns später in MagMell. Gehabt Euch wohl.“ Er warf ihr eine Kußhand zu, drehte sich abrupt um und verließ den Markt.
Kalessin aber eilte sofort in ihre Kammer zurück, warf sich ihren Umhang um die Schulter und verließ die Stadt durch das Nordtor. Schon bald erreichte sie den Eingang des Waldes. Endlich spürte sie wieder die Kraft der Wurzeln, der Stämme und des Alters in sich aufsteigen – eine tiefe Ruhe überkam sie ... das Grün der Blätter ... sie seufzte und begann eine alte Weise zu summen. Nach einem kurzen Wegstück setzte sie sich im feuchten Gras nieder. Sie schloß die Augen und atmete ruhiger. Ihre innere Stimme rief mit einem lauten Schrei, der von den Bäumen davon getragen wurde.
Sie wartete und wartete. Es dunkelte bereits wieder, als sie plötzlich von einem Rascheln im Haselnußstrauch neben sich aufgeschreckt wurde – sie mußte eingenickt sein.
Ein Cailleach-oidche ließ sich auf einem Zweig neben ihrer Schulter nieder. Die Waldläuferin erwiderte ruhig den Blick des anmutigen Tieres. Für kurze Zeit schienen die beiden einander prüfend zu fixieren und dabei Geschichten auszutauschen. Eine tiefe Zuneigung floß zwischen ihren Herzen hin und her und vermischte sich mit Verständnis und Ehrfurcht. Der Cailleach-oidche rührte sich schließlich zuerst. Er tippelte ein wenig auf und ab, verneigte sich zwei mal, flatterte kurz mit den Flügeln und zupfte die Elfin am Ärmel des braunen Gewandes. Dann breitete er die Schwingen aus und erhob sich in die Luft ... schon nach wenigen Augenblicken ward der nicht mehr zu sehen. Sein Ziel war die Akademie der Champion.

Die nächsten Wochen und Monate verbrachte Kalessin hauptsächlich in TinNaNog. Immer wieder wurde sie zu Versammlungen gerufen, mußte bei Treffen der Allianzen oder auch der Akademien an den Verhandlungstischen ausharren und mit anderen WürdenträgerInnen des Reiches die Zukunft Hibernias diskutieren. Sie war eine Diplomatin und als solche hatten ihre Beratungen Gewicht. Die Lage des Landes war tatsächlich verzweifelt und Mavelle entließ sie nur selten aus ihren Diensten, dann wenn der Orden des Drachenfeuers rief und Unterstützung im Kampf gegen Finliaths im Dunklen Wald oder Leprechauns im nahen Grenzland brauchte. Es war Kalessin verboten worden, vor ihrer endgültigen Genesung Gedankenübertragung zu praktizieren ... und auch ihren Wald durfte sie nicht aufsuchen.
Ohne die Unterstützung und Zuneigung der Gildenbrüder und –schwestern wäre es ihr schlecht ergangen, denn täglich wartete sie auf die Rückkehr des Cailleach-oidche.

Dann eines frühen Morgens wurde Kalessin vom Flügelschlag des treuen Freundes geweckt, er setzte sich auf den Fenstersims ihrer Kammer und sah sie ernst an. Eine Zeit lang verharrte er so, dann legte er kurz den Kopf zur Seite, krächzte rauh und hob wieder ab. Kalessin wußte Bescheid – Ariakus sollte noch heute in die Schlacht ziehen.
Sie wußte wohin die Truppen gesendet würden, sie selbst hatte an den Verhandlungen und Planungen für eine Übung mit der Champion-Akademie teilgenommen.
Lautlos verließ sie ihr Bett, schüttete sich etwas Wasser aus dem Krug über Arme, Brust und Gesicht und legte ihre Rüstung an. Sollte die ihren Gildenbrüdern Nachricht schicken ? Ohne die Hilfe eines Heilers wäre sie bei einem möglichen Kampf völlig unterlegen. Sie zögerte. Nein ! Erneut flackerte ihr Heißsporn auf – unelfisch war er – und immer wieder kostete er sie fast das Leben. Fast, das mußte auch diesmal reichen ! Sie warf sich den schwarzen Umhang „Grannys Schal“ über, der ihr in manchem Kampf schon gute Dienste erwiesen hatte und verließ die Akademie. Vor den Toren der Stadt wob sie einen Schutzzauber und bestieg ein Pferd in Richtung Grenzland, DruimLigen.

Die große alte Festung erhob sich gegen Mittag aus der Ebene auf – ein Schutzwall, den bisher noch kein Midgardischer oder Albionischer Feind zu bezwingen vermocht hatte.
Wie jedes Mal flößte der Anblick der hohen Tore mit den sich im Wind bauschenden hibernianischen Bannern : ein Baum auf grünem Grund, Kalessin Trost und Zuversicht ein. Nein, niemals würden die gegnerischen Armeen hier eindringen und nach den Grenzwällen und den Burgen des Grenzlandes auch die geliebten Wälder Hibernias niederbrennen.
Sie ließ das Pferd beim Stallwirt zurück und schritt durch das Doppeltor. Hibernias Wachen patroullierten auf der Grenzland-Seite, es waren die tapfersten und stärksten Recken des Reiches.
Navh dem Port wob Kalessin einen weiteren Schutzzauber und verfiel in Laufschritt, geschützt durch die Bäume am Hang, entlang der offiziellen Wege Richtung Thirdranki. Schon bald sah sie das Heer der Champion-Akademie in einiger Entfernung vor sich her marschieren.
Sollte sie es wagen ? Was blieb ihr anderes übrig ! Sie wob einen Tarnungszauber und wurde sofort unsichtbar. Ein Gefühl der Auflösung machte sich in ihrem Gehirn breit. Es war eine enorme Kraftanstrengung, sich dem nicht völlig zu überlassen und von der schwarzen Leere verschlungen zu werden, die das Ende bedeutet hätte. Doch gleichzeitig schärften sich auch alle Sinne ... gab es womöglich getarnte Späher in der Nähe ? Sie mußt auf der Hut sein, vor den Feinden UND den eigenen Leuten. Sicher, niemand hätte es gewagt, sie zu fragen, warum sie sich dem Zug angeschlossen hatte, doch wollte Kalessin jegliche möglichen Nachfragen oder Meldungen an Meisterin Mavelle vermeiden.
So folgte die Elfin dem Troß in mäßiger Entfernung auf der mehrtägigen Reise zur großen Festung – sie schlief auf Bäumen und ernährte sich von Beeren und Kräutern.
Das Heer schlug schließlich sein Lager unterhalb der grandiosen, grauen jahrhundertealten Festung auf, die sich noch in hibernianischer Hand befand. Die Recken und Maiden begannen sofort mit der Befestigung.

Wie nicht anders zu erwarten, ertönten schon nach zwei Tagen die Schlachthörner gegnerischer Heere ... es war ein albionischer Kreuzzug.
Kalessin hatte – wie andere SpäherInnen auch – bereits in der Nacht Stellung bezogen und beobachtete die Geschehnisse nun von einem Hügel aus, geschützt durch die Baumkronen einer alten Kastanie.
Die Schlacht war bald in vollem Gange. Die Albionischen Feldherren waren in eine Falle getappt. Sie hatten sich der leichtsinnigen Illusion hingegeben, sie würden das hibernianische Lager im Schlaf überraschen, doch die SpäherInnen hatten dank Gedankenübertragung ganze Arbeit geleistet und so waren die hibernianischen KämpferInnen gewarnt. Schon bald entbrannte an den Rändern des Lagers ein Kampf Mann gegen Mann / Frau gegen Frau. Kalessin sah die bunten Zirkel und Lichtsalven der Magiere und HeilerInnen. Feuerwälle und Blitze zuckten wie Pfeile durch die Luft. Bis zum Mittag war kein Sieger auszumachen. Würde ihre Beteiligung noch weiter vermeidbar sein ? Sie hätte kaum Chancen, ohne eine eigene Gruppe zu überleben. Wo war Ariakus ?
Da durchstieß der Schrei des Cailleach-oidche die Luft.
Die Elfin kannte diesen Ruf nur zu gut ... der Flieger meldete dem Recken eine Gruppe Feinde. Kalessn zögerte nicht eine Sekunde, sie glitt vom Baum herunter und pirschte los ... verließ die Deckung und rannte zum Ufer des nahen Flusses. Der Cailleach-oidche kreiste hoch über ihr und ging dann im Sturzflug auf der anderen Seite hinunter. Geschützt durch eine Gruppe junger Fichten entdeckte Kalessin einen Trupp der albionischen Nachhut. Dann plötzlich stürmte ein Recke heran : Ariakus. Sie sah seine funkelnden grünen Augen im grimmig verzerrten schweißbedeckten Gesicht leuchten, als er sich auf einen gegnerischen Bretonen stürzte und ihn nach kurzem heftigen Kampf besiegte. Der Recke kannte keine Gnade und nach getanem Werk entfuhr ein fürchterliches Gelächter seine Kehle. Kalessin wich zurück, das Lachen traf sie bis ins Herz und eisige Kälte durchspülte ihren ganzen Körper.
Der Champion drehte sich herum, sein Gesicht, seine Arme, seine Rüstung – alles blutbeschmiert. Wie im Wahn taumelte er den anderen Gegnern hinterher, die bereits die Flucht ergriffen hatten.
„Ariakus !“, flüsterte Kalessin. „Zu spät ?“ Sie spürte ihre Zauberkraft versiegen und zog sich tiefer in das Fichtenwäldchen zurück. Tränen liefen über ihre heiß-roten Wangen.
„Zu spät ?“.




So endete Kalessin und blickte in die Runde der Zuhörenden ...
sie wischte sich eine Träne aus den Augenwinkeln und entnahm dann ihrem kleinen Beutel ein paar Kräuter, die sie ins Feuer warf ... murmelnd :
alte Geschichten ... sehr alte Geschichten ... wo mag er sein, Ariakus, einst ein Held ...
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